Ein Leben ohne Regeln? So sieht die Praxis aus

„Erwünschtes Verhalten zu belohnen ist Machtmissbrauch“. So lautet der Titel eines Artikels von Jesper Juul, über den ich neulich gestolpert bin (den ganzen Artikel findet ihr hier). Jesper Juul und seine Arbeit begleiten mich seit meiner Ausbildung und haben meine pädagogische Haltung stark beeinflusst.

Doch diesmal war es nicht der Artikel selber der mich derart zum Nachdenken angeregt hat, sondern ein Kommentar dazu.

Im Januar schrieb Tim nämlich:

Klingt ja nach einer schönen Theorie. Dass Belohnungen, Bestrafungen und Regeln schlecht sind findet man im Internet recht viel. Leider immer nur mit schlechten Beispielen,(…) Aber was sollen Eltern in Situationen tun, in denen man das Kind nicht einfach machen lassen kann? Zum Beispiel wenn man einen Termin hat und das Kind keine Schuhe anziehen will? Antworten auf die relevanten Fragen bleiben solche Artikel leider immer schuldig. Und selbst wenn man es trotzdem irgendwie hinbekommen würde ein Kind vollkommen ohne Belohnungen, Bestrafungen und Regeln zu „erziehen“, hat man am Ende vermutlich einen nicht gesellschaftsfähigen Menschen. (…)

Lieber Tim, du hast bei mir ganz viele Denkprozesse angeregt. Grundsätzlich bin ich kein Fan von Belohnungen und Bestrafungen, aber irgendwie hast du auch recht. Ganz viele Theorien hören sich unglaublich toll an. Aber eben, in der Theorie. Doch wie sieht es in der Praxis aus? Was macht man, wenn der Bus in 5 Minuten fährt und das Kind sich weigert seine Schuhe anzuziehen? Wie sieht es mit gefährlichen Situationen aus? Wie schon gesagt, Belohnungen und Bestrafungen versuche ich zu vermeiden. Aber gibt es auch keine Regeln? Und wie werden die dann eingehalten? Für dich, Tim, habe ich unseren Alltag reflektiert und dir ein paar echte Situationen einer ganz normalen Familie herausgesucht.

Doch lass mich erst ein wenig ausholen…


Mehr Entspannung, mehr Dialog, weniger Machtkampf

Für Jesper Juul bedeutet Erziehung vor allem Beziehung. Kinder sind gleichwertig. Sie werden, wie Erwachsene, ernst genommen und ihre Gefühle und Integrität werden respektiert. Man bezieht die Kinder in Entscheidungen mit ein und begegnet ihnen auf Augenhöhe. Das heisst aber nicht, dass Eltern alles machen müssen, was ihre Sprösslinge wollen. Vielmehr tritt man mit seinen Kindern in den Dialog und vermittelt ihnen schon früh das Prinzip der Demokratie. 

Regeln führen zu Machtkämpfen


Mit Demokratie zum gesellschaftsfähigen Menschen


Ja, lieber Tim, du siehst, Jesper Juul möchte keine verwöhnten, unselbständigen Blagen, die ihren Eltern auf der Nase herumtanzen und seit Geburt zum Prinzen erzogen wurden. Vielmehr ermutigt er Eltern ihren Kindern ein Mitspracherecht zu geben. Die Kinder lernen somit schon früh, ihre eigene Meinung kundzutun und hinter ihren Entscheidungen zu stehen. Das stärkt nicht nur ihren Selbstwert, sondern bereitet sie, in meinen Augen, auch optimal aufs Leben vor. Oder wer wünscht sich keinen Kollegen, der vor dem Chef für die Anliegen des Teams einsteht? Oder umgekehrt, einen Chef, der seine Mitarbeiter in Entscheidungen miteinbezieht? Du siehst, Tim, so realitätsfern sind Jesper Juuls Ansichten gar nicht.

Ohne Regeln, wie soll das funktionieren?


Lass mich dir kurz sagen, Tim, bei uns gibt es in der Tat fast keine Regeln. Und weisst du was? Es funktioniert total gut, an Tagen, an denen ich ruhig, entspannt und bereit für den Dialog mit meinem Kind bin. Und dann gibt es zwischendrin die Tage an denen es überhaupt nicht funktioniert, keine konstruktiven Lösungen gefunden werden, kein Dialog möglich. Machtkämpfe bestimmen dann den Alltag. Wer ist stärker, wer hat mehr Recht? Diese Tage sind anstrengend und kommen zum Glück selten vor. Aber weisst du, wer verantwortlich für diese Kämpfe ist? Ich! Ganz einfach. Ich bin zu gestresst, zu angespannt mir die Zeit zu nehmen und meinem Kind auf Augenhöhe zu begegnen. In solchen Momenten hilft es, durchzuatmen und mir bewusst zu werden, wie recht Herr Juul doch hat. Und wie entspannt das Leben doch sein könnte, wenn man mit seinem Kind mehr miteinander statt gegeneinander praktiziert.


Aber Praxisbeispiele habe ich dir immer noch keine gegeben, entschuldige, lieber Tim. Es ist nur so, dein Kommentar hat mich so stark zum Nachdenken angeregt, da musste ich ein wenig ausholen.

Keine Regeln im Alltag

Du fragst, was passiert wenn dein Kind seine Schuhe nicht anziehen will, du aber einen wichtigen Termin hast?

wenn wir unseren Kindern vertrauen, braucht es keine Belohnungen oder Bestrafungen

Das geschieht bei Rabauke in der Tat öfters.. Die Schuhe stopfe ich dann in meine Tasche und er kommt in Socken ins Auto. Oder ich lasse ihn barfuß laufen. Klar, du wirst jetzt sagen, und was ist im Winter? Wenn es regnet und schneit und kalt ist? Glaube mir, in meinen über 10 Jahren mit Kindern ist es mir noch nicht einmal passiert, dass ein Kind seine Schuhe nicht anziehen wollte, als es den kalten Boden unter seinen Füssen gespürt hat. Also einfach nicht diskutieren, Schuhe einpacken und draussen anziehen. Dasselbe gilt übrigens für Jacken, Handschuhe und Mützen. In diesen Situationen braucht es keine Regeln, Belohnungen oder Bestrafungen, für Verhalten, das dir nicht in den Kram passt. Es braucht Vertrauen und den Raum, sich ausprobieren zu dürfen.

Rabaukes Outfits entsprechen nichts immer meinem Geschmack.

Ein anderes Beispiel ist das morgendliche Anziehen. Rabauke hat seinen ganz eigenen Stil, und das bereits mit 2 Jahren. Ich muss dir ehrlich sagen, dass kostet mich jeweils eine gehörige Portion Überwindung, wenn er seine rote Feuerwehrhose und den braun-orangen Pulli mit den Minions drauf anziehen möchte. Aber gut, das ist ja mein Probelm, oder? Mein Kind ist glücklich und es schmerzt niemanden (außer meinen Augen, hahaha), außerdem findet er wahrscheinlich auch nicht alle Outfits seiner Eltern so toll. Aber hier fängt Akzeptanz an. Oder was meinst du, Tim? Und schon wären wir wieder beim gesellschaftsfähigen Menschen. Wäre es nicht grossartig, wenn es ganz viele Menschen gäbe, die jeden akzeptieren, so wie er ist?

Ein Thema, das auch in der Kita immer wieder für Diskussionen sorgt, ist das Essen. Kennst du die Aussage „wenn du nicht aufisst, gibt es auch keinen Dessert?“. Belohnung und Bestrafung durch Essen. Der Klassiker. Ist ja auch logisch, oder? Wenn das Kind sein Gemüse nicht isst, hat es auch keine Schokolade verdient. Machen wir selber ja auch so. Wir essen ja auch immer auf, obwohl wir schon satt sind. Oder probieren alles, ungeachtet dessen dass wir im vornherein wissen, dass es uns nicht schmeckt. Oder etwa doch nicht?

Warum tun wir es dann bei unseren Kindern? Warum vertrauen wir ihnen nicht einfach, dass sie ihren Körper kennen und darauf hören?Jeden Tag nach dem Mittagessen gibt es bei uns etwas Süsses. Einen Keks, ein Stück Schokolade oder ein paar Beeren. Manchmal isst Rabauke sein Dessert schon vor dem Hauptgang. Manchmal zwischendrin. Es ist einfach Teil der Mahlzeit. Er bekommt es nicht, weil er lieb ist. Und ich verweigere es ihm auch nicht, weil er ein unerwünschtes Verhalten gezeigt hat. Es ist einfach da. Und weisst du was, Tim? Er isst trotzdem alles. Eine Woche mehr Fleisch, die andere mehr Gemüse. Genau das, was sein kleiner Körper gerade braucht. Er ist weder über- noch untergewichtig, noch hat er sonst irgendwelche Auffälligkeiten. 

Probier es aus, lieber Tim. Du wirst staunen, was dein Kind alles selbst entscheiden kann.

Lass dir die Welt aus einer neuen Perspektive zeigen. Ganz ohne Druck, ohne Belohnungen und Bestrafungen. Es macht Spass!


Ganz ohne funktionierts doch nicht


So, jetzt muss ich aber bei aller Liebe zum regellosen Leben eingestehen, dass wir doch nicht ganz ohne können. Und zwar sobald es ums Thema Sicherheit (vor allem im Strassenverkehr) geht. Möchte er Fahrrad oder Kickboard fahren, zieht er einen Helm an, spazieren wir an der (Haupt-)strasse, dann nur Hand in Hand. Das sind unsere wichtigsten Regeln. Was ich tue, wenn diese nicht eingehalten werden? Ich knie mich hinunter und erkläre Rabauke, warum mir dies so wichtig ist. Du staunst jetzt wahrscheinlich nicht schlecht, aber bis jetzt klappt das. Ich habe wirklich das Gefühl, dass er mich mit seinen 2 Jahren versteht.


Lieber Tim, ich hoffe, ich konnte dir einige Beispiele nennen, wie so ein (fast) regelfreier Alltag aussieht. Vielleicht probierst du es einfach einmal aus? Verlieren kannst du ja eigentlich nicht viel dabei, oder? 🙂

Deine

Corina

Corina

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