Ich stehe in der Küche nach einem anstrengenden Arbeitstag und gebe mein bestes, eine einigermassen vernünftige, nicht angebrannte Mahlzeit auf den Tisch zu bekommen. Währenddessen rollt sich das Kind schreiend auf dem Boden herum, weil der sche… Apfel falsch geschnitten ist. Du merkst wahrscheinlich schon beim Lesen, wie verspannt meine Kiefermuskeln sind und wie hoch mein Puls schlägt. Gleich kocht es über, und damit ist nicht der Topf auf dem Herd gemeint.
Kennst du solche Momente?
In der Theorie ist es mir vollkommen klar, wie ich reagieren sollte: ruhig, verständnisvoll, auf Augenhöhe. Doch in der Praxis ist genau das gar nicht so einfach. Am liebsten würde ich in solchen Momenten einfach laut schreiend den Raum verlassen.
Warum ist das so? Und warum hilft das beste und grösste Fachwissen nichts, wenn unser eigenes Nervensystem in Alarmbereitschaft ist?
Co-Regulation beginnt im eigenen Körper
Ein zentraler Grundsatz der Gehirnforschung und der Polyvagal-Theorie lautet: Ein überfordertes Nervensystem kann kein anderes Nervensystem beruhigen.
Kinder kommen mit einem unreifen Gehirn auf die Welt. Sie besitzen noch nicht die biologischen Voraussetzungen, um intensive Gefühle wie Wut, Trauer oder Angst allein zu verarbeiten.
Sie sind auf Co-Regulation angewiesen. Das bedeutet, sie „docken“ an das Nervensystem eines Erwachsenen an. Ist dieses entspannt und sicher, können sie selbst wieder ins Gleichgewicht finden. Befinden wir uns allerdings ebenfalls in Alarmbereitschaft, kannst du dir ja bereits denken, was dann passiert.
Wenn dein Kind stürmt und du innerlich mit-stürmst, treffen zwei überforderte Nervensysteme aufeinander. Über deinen Tonfall, deine Körpersprache und deine Ausstrahlung spürt dein Kind deine Anspannung. Sein Körper bekommt das Signal, dass es hier nicht sicher ist. Der Machtkampf oder die totale Explosion sind vorprogrammiert.
Warum uns unsere Kinder so stark triggern
Wenn das Verhalten deines Kindes bei dir eine heftige Reaktion auslöst, hat das selten etwas mit dem aktuellen Moment bzw. wirklich mit deinem Kind zu tun. Dein Nervensystem scannt die Situation in Millisekunden ab und greift auf alte Muster zurück.
Oft triggern uns genau die Verhaltensweisen unserer Kinder, die wir als Kind selbst nicht zeigen durften:
- Wenn Wut in deiner Kindheit mit Liebesentzug bestraft wurde, löst die Wut deines Kindes heute unbewusst Panik oder Abwehr in dir aus.
- Wenn deine eigenen Bedürfnisse immer zurückstehen mussten, fühlt sich das ewige Fordern deines Kindes wie eine Bedrohung an.
Die Erkenntnis: Dein Kind drückt nicht deine Knöpfe, um dich zu ärgern. Es will dich nicht provozieren! Es zeigt dir lediglich (unbewusst!), wo deine eigenen unerfüllten Bedürfnisse und unregulierten Stressmuster liegen.
3 Schritte zur elterlichen Selbstregulation im Stressmoment
Selbstregulation bedeutet nicht, nie wieder wütend zu sein oder Gefühle zu unterdrücken. Es bedeutet, deine Empfindungen wahrzunehmen, ohne sofort impulsiv zu handeln. Diese drei Schritte können dich bei der Wahrnehmung unterstützen.
1. Der Mikrostopp: Deinen Körper wahrnehmen
Bevor du sprichst oder handelst, unterbrich die automatische Stressreaktion.
- Spüre deine Füße fest auf dem Boden.
- Atme einmal tief aus (das Ausatmen aktiviert den Parasympathikus, deinen inneren Ruhe-Nerv).
- Sag dir innerlich einen Anker-Satz: „Mein Kind ist nicht gegen mich. Sein Nervensystem ist gerade überfordert. Es braucht mich.“
2. Den eigenen Tank im Alltag füllen
Mit einem leeren Tank kommst du keine 2 Meter weit. Selbstregulation im Akutmoment funktioniert nur, wenn dein Nervensystem im Alltag immer wieder Mikro-Pausen bekommt. Das müssen keine Stunden im Spa sein, 5 mal bewusstes Durchatmen am offenen Fenster, ehrliche Grenzen setzen („Ich brauche jetzt 5 Minuten Ruhe“) oder Bewegung an der frischen Luft (mit dem Kind zusammen) reichen oft schon aus.
3. Erst regulieren, dann reparieren
Versuche nicht, mitten im Gefühlssturm deines Kindes Erziehungsarbeit zu leisten oder Logik anzuwenden. Das bringt nur Frust auf beiden Seiten. In solchen Momenten ist unser Gehirn nämlich gar nicht in der Lage, logisch zu denken. Wenn du merkst, dass dein eigenes System kocht, nimm dich kurz raus, bevor du aufs Kind eingehst: „Ich bin gerade sehr wütend. Ich atme kurz durch, damit ich wieder für dich da sein kann.“ Damit lebst du deinem Kind gesunde Selbstregulation vor.
Sei der Leuchtturm, nicht der Sturm
Veränderung im Familienalltag beginnt nie beim Kind, sie beginnt IMMER bei dir und deiner Kapazität, den Raum zu halten. Wenn du lernst, dein eigenes Nervensystem zu verstehen und zu regulieren, wirst du für dein Kind zum sicheren Hafen, den es braucht.
Fällt es dir im Alltag schwer, in herausfordernden Momenten die Ruhe zu bewahren? In meinem nächsten Workshop zum Thema Resilienz am 12.09. erfährst du mehr über die biologischen Grundlagen der Co-Regulation. Oder schaue dir meinen Elternleitfaden zum Thema Selbstregulation an.
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